Hitzewelle zu Hause bewältigen: Der große Praxisleitfaden für heiße Tage und Nächte

Hitzewelle zu Hause meistern: Tagesplan, kühle Räume ohne Klimaanlage, besser schlafen und gefährdete Menschen im Alltag zuverlässig schützen.

Digi Nachrichten Audio

Artikel anhören

25:58 Min.Synthetische Stimme

Eine Hitzewelle wird zu Hause selten durch eine einzelne spektakuläre Maßnahme beherrschbar. Entscheidend ist eine Kette kleiner, rechtzeitig ausgeführter Schritte: nachts Wärme aus dem Gebäude bringen, morgens Fenster und Sonnenschutz schließen, Belastungen verschieben, regelmäßig trinken und gefährdete Menschen nicht sich selbst überlassen. Wer erst reagiert, wenn die Wohnung am Nachmittag aufgeheizt und der Kreislauf bereits belastet ist, muss gegen gespeicherte Wärme in Wänden, Böden und Möbeln anarbeiten.

Dieser Praxisleitfaden macht aus allgemeinen Hitzetipps einen Tagesablauf. Er erklärt zugleich, wo Selbsthilfe endet. Hitze kann bestehende Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Nieren-, Stoffwechsel- oder neurologische Erkrankungen verschlechtern. Säuglinge, kleine Kinder, ältere, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen reagieren häufig früher oder können Schutzmaßnahmen nicht allein umsetzen. Der Leitfaden ersetzt weder eine medizinische Beurteilung noch einen individuellen Trink- oder Medikamentenplan.

Der wichtigste Grundsatz: Schützen Sie zuerst den Menschen, dann die Raumtemperatur. Wenn jemand verwirrt, bewusstseinsgetrübt oder krampfend ist oder andere Zeichen eines Hitzschlags zeigt, zählt nicht die nächste Kühlidee für die Wohnung, sondern der Notruf 112.

Vor dem heißen Tag: Warnlage, Helfernetz und kühler Rückzugsraum

Beginnen Sie möglichst am Vorabend. Prüfen Sie die amtliche Hitzewarnung des Deutschen Wetterdienstes statt nur die Höchsttemperatur einer Wetter-App. Der DWD bewertet die gefühlte Temperatur und berücksichtigt, ob Wohnräume nachts ausreichend auskühlen. Seine Warnstufen heißen starke und extreme Wärmebelastung. Das ist praktischer als eine selbst erfundene starre Grenze: Luftfeuchte, Wind, Strahlung, körperliche Aktivität und fehlende Nachterholung verändern die tatsächliche Belastung.

Legen Sie fest, welcher Raum morgens am längsten kühl bleibt. Meist ist das ein innenliegender oder nordorientierter Raum, nicht automatisch das gewohnte Wohn- oder Schlafzimmer. Dorthin gehören für die Hitzetage Sitz- und Schlafmöglichkeit, Wasser, Telefon, Ladekabel, Medikamentenplan und bei Bedarf Hilfsmittel. Stellen Sie ein Raumthermometer sichtbar auf. Es liefert keine medizinische Diagnose, verhindert aber, dass eine schleichende Erwärmung nur nach Gefühl beurteilt wird.

Organisieren Sie außerdem einen Kontaktplan. Wer schaut morgens und abends nach der alleinlebenden Nachbarin? Wer kann ein Kind früher aus der Betreuung holen? Welche kühle Bibliothek, ein klimatisiertes öffentliches Gebäude oder welche Wohnung im Erdgeschoss ist erreichbar? Hinterlegen Sie Hausarztpraxis, Apotheke, ärztlichen Bereitschaftsdienst 116117 und Notruf 112. Bei Pflegebedürftigkeit sollten Angehörige oder Pflegedienst vorab klären, wer Trinken anbietet, Ausscheidung und Befinden beobachtet sowie den kühleren Schlafplatz vorbereitet.

Der Tagesplan: von der kühlen Morgenluft bis zur Nacht

Früher Morgen: Wärme hinaus, Vorräte hinein

Nutzen Sie das kühlste Zeitfenster konsequent. Öffnen Sie Fenster und, soweit sicher möglich, Innentüren weit, sobald die Außenluft kühler ist als die Luft in der Wohnung. Querlüften über gegenüberliegende Öffnungen wirkt besser als ein einzelnes gekipptes Fenster. Beachten Sie Einbruchschutz, Absturzgefahr für Kinder und Haustiere sowie mögliche Zugluft bei empfindlichen Personen. Schließen Sie die Fenster wieder, wenn es draußen wärmer wird. Eine feste Uhrzeit wäre unzuverlässig; vergleichen Sie Innen- und Außentemperatur.

Schließen Sie anschließend außenliegende Rollläden, Fensterläden oder Markisen auf den sonnenbeschienenen Seiten. Gerade Ostfenster müssen früh beschattet werden. Außenliegender Schutz fängt Sonnenenergie ab, bevor sie durch das Glas gelangt; ein Vorhang im Raum hilft ebenfalls, ist aber weniger wirksam. Achten Sie bei vollständig geschlossenen Rollläden auf notwendige Lüftung und Fluchtwege.

Erledigen Sie Einkäufe, Spaziergänge, anstrengende Hausarbeit und Sport möglichst jetzt. Trinken Sie zum Frühstück und füllen Sie griffbereite Flaschen oder Karaffen für den Tag. Leichte, wasserreiche Speisen wie Obst, Gemüse, Joghurt oder eine später servierte Suppe können die Flüssigkeitsaufnahme ergänzen. Wer aus medizinischen Gründen eine begrenzte Trinkmenge einhalten muss, folgt nicht pauschalen Literangaben, sondern dem vereinbarten ärztlichen Plan.

Vormittag: die Wohnung versiegeln, den Körper nicht

Halten Sie Fenster auf der warmen Seite geschlossen und lassen Sie den Sonnenschutz unten, bevor direkte Sonne auf das Glas trifft. Schalten Sie unnötige Wärmequellen aus: leistungsstarke Computer, Drucker, Fernseher, Beleuchtung und Geräte im Stand-by-Betrieb. Verschieben Sie Backen, langes Kochen, Bügeln und Wäschetrocknen in der Wohnung. Kalte Küche oder kurz gegarte Speisen sind an solchen Tagen nicht bloß bequem, sondern reduzieren interne Wärmelasten.

Tragen Sie leichte, luftige Kleidung und kühlen Sie den Körper frühzeitig, nicht erst bei deutlichem Unwohlsein. Feuchte Tücher, ein Wasserzerstäuber sowie kühle Arm- oder Fußbäder unterstützen die Wärmeabgabe. Das Wasser muss nicht eiskalt sein. Nach einer Dusche kann wenig Abtrocknen die Verdunstungskühlung verlängern. Kühlpacks gehören nicht direkt und lange auf die Haut; wickeln Sie sie ein.

Ein Ventilator senkt nicht die Raumtemperatur. Er bewegt Luft und kann dadurch die Verdunstung an der Haut angenehmer machen. Richten Sie ihn so aus, dass keine empfindliche Person dauerhaft im starken Luftstrom liegt, sichern Sie Kabel und Rotor vor Kindern und nutzen Sie ihn nicht als Begründung, Warnzeichen zu ignorieren. Wenn die Außenluft am Abend kühler ist, kann ein Ventilator am Fenster den Luftaustausch unterstützen.

Mittag und Nachmittag: Belastung konsequent reduzieren

Verlegen Sie das Leben in den kühlsten Raum. Zwischen spätem Vormittag und frühem Abend sollte körperliche Anstrengung möglichst entfallen. Wenn Arbeit oder Betreuung keine Pause erlauben, planen Sie zusätzliche Erholungsphasen im Schatten oder in kühler Umgebung und halten Sie alkoholfreie Getränke erreichbar. Alkohol belastet den Flüssigkeitshaushalt; stark gezuckerte und koffeinreiche Getränke sind kein guter Hauptdurstlöscher. Wasser und ungesüßte Getränke sind die verlässlichere Basis.

Trinken nach Kalender ist vor allem für Menschen hilfreich, deren Durstgefühl wenig zuverlässig ist. Stellen Sie zu Mahlzeiten ein Getränk bereit, markieren Sie eine individuell vereinbarte Tagesmenge oder nutzen Sie Erinnerungen. Beobachten ist ebenso wichtig wie anbieten: ungewöhnliche Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Muskelkrämpfe, Verwirrtheit oder Kreislaufprobleme können auf eine relevante Hitzebelastung hindeuten. Bei Herz- oder Nierenerkrankung darf ein gut gemeinter Trinkwettbewerb keinen ärztlichen Flüssigkeitsplan verdrängen.

Müssen Sie kurz stoßlüften, weil Kochen, Duschen oder viele Personen Feuchtigkeit und Kohlendioxid erzeugen, tun Sie dies gezielt. Dauerhaft offene Fenster holen bei heißerer Außenluft zusätzliche Wärme herein. Feuchte Tücher können zwar Verdunstungskälte erzeugen, erhöhen aber auch die Luftfeuchte. Bei ohnehin schwüler Luft oder ohne anschließenden Luftaustausch sind sie ungeeignet und können Schimmel begünstigen.

Abend: erst vergleichen, dann lüften

Öffnen Sie nicht automatisch bei Sonnenuntergang alle Fenster. Asphalt, Fassaden und Innenhöfe können noch lange Wärme abgeben. Erst wenn es draußen tatsächlich kühler ist, beginnt die intensive Nachtlüftung. Öffnen Sie dann möglichst gegenüberliegende Fenster und Türen. Ein Ventilator kann in Fensternähe den Luftstrom verstärken. Sobald die Außenluft morgens wieder wärmer wird, endet diese Phase.

Bereiten Sie den Schlaf vor, bevor Erschöpfung jede Entscheidung schwer macht. Wechseln Sie in den kühlsten Raum, auch wenn das für einige Nächte das Wohnzimmer ist. Verwenden Sie leichte Bettwäsche oder nur ein Baumwolltuch, luftige Schlafkleidung und möglichst wenig wärmespeichernde Textilien. Eine lauwarme Dusche oder ein kühles Fußbad kann angenehm sein. Ein üppiges spätes Essen, Alkohol und intensiver Sport kurz vor dem Zubettgehen erschweren dagegen häufig die Nachtruhe.

Nacht: Schlaf schützen, gefährdete Personen kontrollieren

Hitze ist nicht nur tagsüber ein Problem. Der DWD bezieht die mangelnde nächtliche Auskühlung ausdrücklich in seine Warnungen ein, weil schlechter Schlaf die Belastbarkeit am Folgetag mindert. Verdunkeln Sie den Schlafraum, halten Sie Wasser in Reichweite und sichern Sie offene Fenster. Wer nachts aufsteht, sollte Stolperstellen beseitigen und eine schwache, wenig Wärme erzeugende Orientierungslampe nutzen; Kreislaufprobleme und sedierende Medikamente können das Sturzrisiko erhöhen.

Bei älteren, pflegebedürftigen oder akut kranken Menschen reicht es nicht, ein Glas ans Bett zu stellen. Prüfen Sie am späten Abend und morgens, ob die Person ansprechbar ist, getrunken hat und neue Beschwerden zeigt. Bei Babys fühlen Sie zwischen den Schulterblättern unterhalb des Nackens: Die Haut sollte warm, aber nicht verschwitzt sein. Hände oder Füße allein sind kein verlässlicher Maßstab.

Kühle Räume ohne Klimaanlage: eine Strategie in vier Ebenen

Erstens: Strahlung stoppen. Der größte Gewinn entsteht häufig am Fenster. Außenliegende Beschattung ist wirksamer als innenliegende, weil die Sonnenenergie gar nicht erst in den Raum gelangt. Fehlt ein Rollladen, helfen vorübergehend helle, sichere Außenverschattungen, sofern Mietrecht, Brandschutz und sturmsichere Befestigung beachtet werden. Folie, Karton oder Stoff dürfen Fluchtwege nicht blockieren und nicht zu Glasbruch oder Brandgefahr führen.

Zweitens: Luftwechsel zeitlich steuern. Lüften kühlt nur, wenn die zugeführte Luft kühler ist oder wenn Feuchte und verbrauchte Luft abgeführt werden müssen. Deshalb nachts und frühmorgens intensiv querlüften, tagsüber überwiegend schließen und nur bedarfsgerecht stoßlüften. Gekippte Fenster über Stunden liefern meist wenig Luftwechsel und können dennoch Wärme hereinlassen.

Drittens: Wärmequellen minimieren. Ein einzelnes Ladegerät ist nicht das Hauptproblem, mehrere laufende Geräte, Backofen und Herd summieren sich jedoch. Nutzen Sie die Abwärme nicht benötigter Technik als einfache Entscheidungsregel: Was heute nicht laufen muss, bleibt aus. Kochen Sie kurz, verwenden Sie Deckel und lüften Sie Kochfeuchte gezielt ab.

Viertens: den kühlsten Bereich priorisieren. Es ist oft unrealistisch, eine gesamte Dachgeschosswohnung ohne Klimaanlage deutlich herunterzukühlen. Konzentrieren Sie Sonnenschutz, Nachtlüftung und Aufenthalt auf einen Rückzugsraum. Wenn die Wohnung trotz allem unerträglich heiß bleibt, verbringen Sie die heißesten Stunden an einem erreichbaren kühlen Ort. Das ist keine Niederlage der Haustechnik, sondern wirksamer Gesundheitsschutz.

Schlafen bei Hitze: nicht die perfekte Temperatur jagen

Für normalen erholsamen Schlaf wird häufig ein kühles, gelüftetes und dunkles Schlafzimmer empfohlen. Während einer Hitzewelle ist eine Idealtemperatur in vielen Wohnungen jedoch unerreichbar. Entscheidend ist dann ein realistisches Paket: tagsüber konsequent verschatten, nachts zum richtigen Zeitpunkt lüften, den kühlsten Raum wählen, leichte Bettwäsche verwenden und die eigene Wärmeproduktion am Abend reduzieren.

Schlafmittel sind keine harmlose Abkürzung durch eine heiße Nacht. Bestimmte beruhigende oder anticholinerge Medikamente können Wachheit, Kreislauf oder Temperaturregulation beeinflussen; ältere Menschen können unter Schlafmitteln leichter stürzen. Beginnen, erhöhen, halbieren oder kombinieren Sie solche Mittel nicht eigenständig. Wer wegen mehrerer heißer Nächte schlecht schläft und tagsüber stark beeinträchtigt ist, bespricht das mit der ärztlichen Praxis oder Apotheke.

Ältere und pflegebedürftige Menschen: Schutz muss aktiv organisiert werden

Mit zunehmendem Alter können Durstgefühl, Schweißproduktion, Hautdurchblutung und körperliche Anpassung an Hitze nachlassen. Mobilitätseinschränkungen oder Demenz erschweren zusätzlich, Fenster, Kleidung und Getränke selbstständig anzupassen. Fragen Sie deshalb nicht nur „Geht es Ihnen gut?“. Prüfen Sie konkret: Ist der Raum beschattet? Steht das vereinbarte Getränk erreichbar? Ist die Kleidung leicht? Wirkt die Person anders als üblich? Gab es Erbrechen, Durchfall, Fieber, Stürze oder neue Verwirrtheit?

Erstellen Sie einen sichtbaren Tagesbogen für Besuche, Getränke nach individuellem Plan, Mahlzeiten, Medikamente und Auffälligkeiten. Bei Bettlägerigkeit müssen leichte Bettwäsche, regelmäßige Lagewechsel nach Pflegeplan und Hautkontrolle mitgedacht werden. Feuchte Waschlappen oder ein Wasserzerstäuber können Gesicht, Nacken, Arme und Beine kühlen. Planen Sie Hilfe für Duschen oder Ortswechsel ein, statt eine sturzgefährdete Person allein ins Bad zu schicken.

Neue Müdigkeit oder Verwirrtheit darf nicht vorschnell als „das Alter“ abgetan werden. Hitze kann bestehende Krankheiten verschärfen, Medikamente können anders wirken und Flüssigkeitsmangel kann ernst werden. Bei Kopfschmerz, Erbrechen oder Kreislaufbeschwerden empfiehlt gesund.bund.de ärztlichen Rat beziehungsweise 116117; bei Zeichen eines Hitzschlags ist 112 erforderlich.

Babys und Kinder: Erwachsene sind der Hitzeschutz

Babys und Kleinkinder überhitzen und dehydrieren schneller und können ihren Schutz nicht selbst organisieren. Vermeiden Sie direkte Sonne und intensive Mittagshitze, verlegen Sie Bewegungsspiele nach morgens oder abends und bieten Sie altersgerechte Getränke beziehungsweise Stillmahlzeiten häufiger an. Individuelle Fragen zur Ernährung eines Säuglings gehören in die kinderärztliche Praxis oder Hebammenberatung, nicht in pauschale Internetregeln.

Ein Kinderwagen darf nicht mit einem Tuch so abgedeckt werden, dass Luftzirkulation und Sichtkontrolle beeinträchtigt werden. Lassen Sie Kinder niemals allein in einem geparkten Auto, auch nicht kurz und auch nicht bei geöffnetem Fenster. Am Wasser gilt trotz Hitze: Kleine Kinder bleiben immer in unmittelbarer Aufsicht, denn Planschbecken, Pool und Gartenteich bringen ein Ertrinkungsrisiko mit sich.

Zum Schlafen gehört das Kind in den kühlsten Raum, mit dünner, luftiger Kleidung und leichter Bettwäsche. Entfernen Sie in besonders heißen Nächten unnötige Kissen und Plüschtiere, die Wärme speichern. Achten Sie auf ungewöhnliche Schläfrigkeit, Teilnahmslosigkeit, trockenen Mund, fehlende Tränen, deutlich weniger Urin, Erbrechen oder Trinkverweigerung. Solche Veränderungen brauchen zeitnah medizinische Einschätzung; schwere Bewusstseinsstörungen oder Krampfanfälle sind ein Notfall.

Chronische Erkrankungen: kein Standardplan für alle

Herz-Kreislauf-, Nieren-, Lungen-, Stoffwechsel- und neurologische Erkrankungen können sich bei Hitze verschlechtern. Gleichzeitig können Flüssigkeitsbegrenzung, Diuretika, Insulin, Blutdruckmittel, Psychopharmaka oder andere Therapien allgemeine Hitzetipps verändern. Vereinbaren Sie möglichst vor der Hitzewelle mit der behandelnden Praxis einen persönlichen Plan: erlaubte Trinkmenge, relevante Messwerte, Vorgehen bei Erbrechen oder Durchfall, Ansprechpartner und Kriterien für eine Kontrolle.

Dokumentieren Sie nur Werte, deren Bedeutung und Reaktion medizinisch geklärt sind. Ein Blutdruck-, Blutzucker- oder Gewichts-Wert ist ohne individuellen Zielbereich kein sicherer Handlungsbefehl. Ändern Sie Medikamente oder Flüssigkeitszufuhr nicht allein aufgrund eines Internetartikels. Schwangere sowie Menschen mit akuten Infekten, Fieber oder Durchfall sollten ihren Schutz ebenfalls frühzeitig verstärken und bei Beschwerden medizinischen Rat einholen.

Medikamente bei Hitze: Einnahmeplan und Lagerung getrennt prüfen

Hitze schafft zwei verschiedene Probleme. Erstens kann der Körper auf Arzneimittel anders reagieren: Flüssigkeitsmangel, veränderte Nierenfunktion, Blutdruckabfall oder beeinträchtigtes Schwitzen können Nebenwirkungen verstärken. Auch wirkstoffhaltige Pflaster verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil Wärme die Wirkstofffreisetzung beeinflussen kann. Zweitens kann falsche Lagerung die Qualität eines Präparats beeinträchtigen.

Lassen Sie den gesamten Medikamentenplan vor der Saison oder spätestens vor einer angekündigten Hitzewelle durch ärztliche Praxis oder Apotheke prüfen. Das gilt besonders bei mehreren Arzneimitteln, Herz- oder Nierenerkrankung, Diabetes, Demenz und Pflegebedürftigkeit. Setzen Sie entwässernde Mittel, Blutdrucksenker, Insulin, Psychopharmaka, Schmerzmittel oder Pflaster niemals vorsorglich ab und verändern Sie keine Dosis ohne konkrete medizinische Anweisung.

  • Lesen Sie für jedes Präparat Verpackung und Packungsbeilage; dort steht die verbindliche Lagerung.
  • Bewahren Sie Arzneimittel in der Originalverpackung mit Beipackzettel, trocken sowie vor Licht und Hitze geschützt auf.
  • Das Badezimmer und ein heißes Auto sind ungeeignet.
  • Legen Sie Medikamente nur dann in den Kühlschrank, wenn dies ausdrücklich vorgesehen ist. Schützen Sie kühlpflichtige Präparate vor dem Einfrieren.
  • Fragen Sie die Apotheke, wenn ein Präparat längere Zeit Hitze ausgesetzt war oder Aussehen, Form beziehungsweise Geruch verändert sind.
  • Lagern Sie alles kindersicher; Kühlung darf den Zugriffsschutz nicht aufheben.

Für Transporte, etwa bei Insulin oder anderen temperaturempfindlichen Arzneien, sollte die Apotheke die produktspezifische Lösung erklären. Direkter Kontakt mit gefrorenen Kühlakkus kann ungeeignet sein. Verlassen Sie sich nicht auf die allgemeine Aussage „Arzneimittel halten Raumtemperatur aus“, denn die zugelassene Lagerbedingung ist produktabhängig.

Medizinische rote Flaggen: wann 116117, wann 112?

Hitzebeschwerden überschneiden sich mit vielen anderen Erkrankungen. Versuchen Sie deshalb nicht, zu Hause eine sichere Diagnose zwischen Hitzeerschöpfung, Hitzschlag, Infekt, Unterzuckerung, Schlaganfall oder Medikamentennebenwirkung zu stellen. Bringen Sie Betroffene aus der Hitze, lockern Sie enge Kleidung und kühlen Sie mit feuchten Tüchern oder Besprühen plus Luftbewegung. Getränke gibt es nur, wenn die Person voll bei Bewusstsein ist und sicher schlucken kann.

  • Sofort 112: Bewusstseinsstörung, starke Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit, Krampfanfall, Kreislaufstillstand oder begründeter Verdacht auf Hitzschlag. gesund.bund.de nennt beim Hitzschlag unter anderem eine Körpertemperatur über 40 Grad, Kreislaufprobleme und Bewusstseinsstörungen; im Zweifel soll ein Hitzschlag angenommen und der Notruf gewählt werden.
  • Zeitnah ärztlich abklären: Kopfschmerzen, wiederholtes Erbrechen, deutliche Kreislaufprobleme, anhaltende Trinkverweigerung, auffällig geringe Urinmenge, neue starke Schwäche oder eine Verschlechterung chronischer Beschwerden. Außerhalb der Sprechzeiten ist 116117 der ärztliche Bereitschaftsdienst.
  • Nicht allein lassen: Beobachten Sie die Person bis Hilfe eintrifft. Bei Bewusstlosigkeit und normaler Atmung stabile Seitenlage; bei fehlender normaler Atmung nach Notruf mit Wiederbelebung beginnen, soweit Sie dazu in der Lage sind.

Die gemessene Temperatur allein entscheidet nicht. Laut gesund.bund.de kann eine Hitzeerschöpfung ohne stark erhöhte Körpertemperatur auftreten, und ein Hitzschlag ist auch möglich, wenn die Umgebung nicht extrem heiß erscheint. Zustand, Belastung und Bewusstsein sind entscheidend. Bei Kindern, älteren und chronisch kranken Menschen sollten Sie die Schwelle für fachlichen Rat niedrig halten.

Sieben verbreitete Hitzemythen im Faktencheck

„Fenster müssen den ganzen Tag offen bleiben.“ Falsch, wenn es draußen wärmer ist. Nachts und frühmorgens intensiv lüften, tagsüber überwiegend schließen; Feuchte und verbrauchte Luft bei Bedarf kurz abführen.

„Ein Ventilator kühlt das Zimmer.“ Nein. Er kühlt vor allem über Luftbewegung an der Haut. Zum tatsächlichen Abtransport gespeicherter Wärme braucht es kühlere Außenluft und Luftaustausch.

„Je mehr Wasser, desto besser.“ Zu pauschal. Ausreichende Flüssigkeit ist zentral, doch Menschen mit bestimmten Herz- oder Nierenerkrankungen benötigen eine ärztlich festgelegte Menge. Auch Flüssigkeits- und Salzhaushalt gehören zusammen.

„Medikamente kommen im Sommer vorsichtshalber in den Kühlschrank.“ Falsch. Nur ausdrücklich kühl zu lagernde Präparate gehören dorthin; andere können durch falsche Kühlung oder Einfrieren Schaden nehmen.

„Eine ausgelassene Tablette schützt vor hitzebedingtem Blutdruckabfall.“ Gefährliche Selbstmedikation. Änderungen erfolgen ausschließlich nach individueller ärztlicher Anweisung.

„Eiskalte Dusche und Kühlpacks direkt auf die Haut wirken am schnellsten.“ Extreme Kälte ist für die alltägliche Abkühlung nicht nötig und kann unangenehm sein. Lauwarme bis kühle Anwendungen, feuchte Tücher und Verdunstung sind praktikabler; Kühlpacks werden eingewickelt.

„Wer schläft, erholt sich automatisch.“ Nicht bei Überhitzung oder auffälliger Bewusstseinslage. Ungewöhnlich schwer weckbare, verwirrte oder bewusstseinsgetrübte Personen brauchen sofortige Beurteilung, nicht ungestörte Bettruhe.

Druckbare Checkliste für den Kühlschrank

  • □ DWD-Hitzewarnung und Außentemperatur geprüft
  • □ Nachts oder frühmorgens quer gelüftet
  • □ Fenster geschlossen, sobald es draußen wärmer wurde
  • □ Sonnenschutz vor direkter Einstrahlung geschlossen
  • □ Kühlster Aufenthalts- und Schlafraum vorbereitet
  • □ Unnötige Elektrogeräte, Herd und Backofen vermieden
  • □ Getränke nach persönlichem Trinkplan bereitgestellt
  • □ Leichte Mahlzeiten und wasserreiche Lebensmittel geplant
  • □ Körperkühlung mit Dusche, Fußbad, feuchten Tüchern oder Sprühflasche möglich
  • □ Morgen- und Abendkontakt zu gefährdeten Personen organisiert
  • □ Bei Kindern Schlafkleidung, Schatten und Aufsicht geprüft
  • □ Medikamentenplan nicht eigenmächtig verändert
  • □ Lagerhinweise aller temperaturempfindlichen Medikamente geprüft
  • □ Hausarztpraxis, Apotheke, 116117 und 112 sichtbar notiert
  • □ Bei Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung oder Krampf sofort 112

Quellen und weiterführende Informationen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert